Rede zur Gedenksteineinweihung für Lorenz Dill (+1945)

Am 3. Mai 2015 weihte die Stadt Bärnau in Hermannsreuth einen Gedenkstein für Lorenz Dill ein, der von Wehrmachtssoldaten in den letzten Kriegstagen erschossen wurde.

Johannes Dill (SPD), als jüngster und in Hermannsreuth aufgewachsener Stadtrat, würdigte die Taten in einer Rede.

Der Wortlaut der Rede:

„Sehr geehrter Herr Bürgermeister, Hochwürdiger Herr Stadtpfarrer, liebe Gäste,

Wir stehen hier, meine sehr verehrten Damen und Herren, wir stehen hier heute an einem ruhigen, an einem friedlichen Flecken Europas. Wir stehen hier an der Grenze zweier befreundeter Länder im Herzen unseres Kontinents. Wir leben in Frieden mit unseren Nachbarn. Umso schwerer fällt es den meisten unter uns, sich wirklich vorzustellen, dass dies vor gar nicht allzu langer Zeit noch anders war. Auch ich kenne den Krieg nur aus Erzählungen meiner Großeltern, aus Bildern und Fernsehen, die niemals das beschreiben können, was wirklich war. Und doch: Es ist nun genau siebzig Jahre her, dass Deutschland den Krieg verlor. Einen Krieg, den Deutschland in seine Nachbarländer getragen hatte und der 60 Millionen Menschen den Tod brachte.

Am 29. April 1945 näherte sich dieser blutigste Krieg der Menschheitsgeschichte seinem Ende. Bereits einige Tage vorher übertraten erste amerikanische Einheiten die heutige deutsch-tschechische Grenze. Kurz zuvor reichten sich Russen und Amerikaner bei Torgau in Sachsen die Hand – mitten in Deutschland. Nazigrößen wie Heinrich Himmler hatten den Alliierten bereits den Waffenstillstand angeboten, doch der sogenannte Führer Adolf Hitler dachte nicht daran, wenigstens die letzten Einheiten und die Zivilbevölkerung zu schonen. Er saß eingekesselt in Berlin und schrieb an seinem Testament, nur um sich am Tag nach dem 29. April feige eine Kugel durch den Kopf zu schießen. An diesem 29. April herrschte Krieg genau hier, wo wir gerade stehen. Letzte Einheiten der Wehrmacht wehrten sich in einem sinnlosen Kampf. Der Krieg war verloren, und doch wird genau an diesem Fleck Europas noch gekämpft. Der Ort Hermannsreuth wird beschossen, es peitschen Gewehrsalven durch die Luft, Granaten heulen, Panzerketten klirren. Und an diesem 29. April wird der Hermannsreuhter Gastwirt Lorenz Dill ermordet.

Die vorrückenden amerikanischen Truppen hatten das Gebiet westlich von Hermannsreuth schon vor dem 29. April besetzt. Nun nahmen sie das Grenzdorf unter Artilleriefeuer, denn ein beträchtlicher Trupp Wehrmachtssoldaten – die Protokolle sprechen von über 150 Mann – hatte sich im Dorf einquartiert.  Unter der Bevölkerung herrschte Aufregung. Lorenz Dill war ein älterer Bürger von Hermannsreuth, geboren 1869, also 76 Jahre alt. Zusammen mit einigen anderen wollte er nicht mit ansehen, wie seine Heimat einem verlorenen und unsinnigen Krieg geopfert wird. Die Männer entschließen sich, zu handeln, die Stimme zu erheben. Wenige Tage vorher hatte die Wehrmacht die Einwohner des Dorfes angetrieben das Dorf zur Festung auszubauen, auszubauen für eine von vornherein vergebliche Verteidigung. Panzersperren waren errichtet und Minen gelegt worden. Die Amerikaner standen bereits bei Tirschenreuth und Bärnau, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auch hier am Grenzkamm eintreffen. Für die älteren Hermannsreuther steht fest: Es gilt, das Dorf zu retten. Und so machen sich eine Handvoll Männer auf den Weg zum befehlshabenden Offizier, zu bitten, das Dorf zu verschonen. Ein schwerer Gang; den Männern war bewusst, wie brutal und unerbittlich die Soldaten noch ihren Befehlen gehorchten, denn schon bei den Schanzarbeiten wurde jedem, der sich zu drücken versuchte, die Todesstrafe angedroht.

Lorenz Dill führt, zusammen mit Franz Haberkorn, das Wort. Er drang darauf, Hermannsreuth kampflos zu übergeben, und sagt: „Ich habe bereits vier Söhne im Krieg und weiß von ihnen nichts, mein Schwiegersohn ist gefallen, und wenn jetzt noch mein Anwesen zusammengeschossen wird, liegt mir nichts mehr am Leben.“ Doch seine Worte stoßen auf taube Ohren. Der kommandierende Leutnant war außer sich, er klammerte sich immer noch an die verbrecherischen Ideale des Nationalsozialismus, den blinden Gehorsam, den Hass. Er beschimpfte die Männer und bezichtigte sie der Beihilfe zur Fahnenflucht. Die im Hof wartenden Männer wurden belehrt, ihnen wurde Feigheit vorgeworfen. Des Weiteren schrie der Leutnant, dass es ihm egal wäre, wenn der Ort zusammengeschossen werden würde, es wären sowieso alles Schwarze (also: Katholiken!), die hier wohnen. Und gekämpft wird bis zum Schluss! Lorenz Dill aber lies man festnehmen, die Soldaten versuchten, ihn zu fesseln – Dill wehrte sich. Doch der Entschluss des Leutnants stand fest: Er lies Lorenz Dill in den nahe gelegenen Bataillonsstab nach Galtenhof bringen. Seine Frau Margarethe flehte auf Knien um Verschonung. Doch der blinde Hass und der Fanatismus der Offiziere waren stärker. In den Abendstunden des 29. April 1945 musste Lorenz Dill in einem Waldstück bei Galtenhof sein eigenes Grab schaufeln. Dann erschoss man Lorenz Dill. Man ermordete ihn, ohne Gnade, ohne Sinn. Die Grausamkeit der Tat macht mich, 70 Jahre später, immer noch fassungslos. Nur drei Tage später, am 2. Mai 1945 schließlich, wurde Hermannsreuth von alliierten Truppen besetzt.  Auch wenn wir alle von den Verbrechen der Nazis und der Wehrmacht wissen, auch wenn wir Opferzahlen in Millionenhöhe im Kopf haben, so ist dieses Beispiel für uns hier heute umso eindrücklicher, weil es bei uns geschah – und einen Bürger aus unserer Mitte traf. Lorenz Dill teilte sein Schicksal mit hunderten Anderen, die ebenfalls in den letzten Kriegstagen aufgrund von falschem Befehlsverständnis und blinden Gehorsam durch die Hand ihrer Machthaber ihr Leben verloren. Jeder Einzelne von ihnen verdient unseren Respekt und unser Andenken. Deswegen stehen wir heute hier. Gerade ich als Jugendlicher, als in Hermannsreuth Aufgewachsener, bin stolz auf die Zivilcourage von Lorenz Dill.

Wir enthüllen hier heute einen Gedenkstein, einen Stein, der eine dreifache Funktion hat. Er erinnert natürlich und in erster Linie an den Mut und die Entschlossenheit des Lorenz Dill. Er bezahlte mit dem höchsten Gut, mit seinem Leben dafür. Der Gedenkstein zeigt auch: Der schreckliche Mord an ihm darf nicht in Vergessenheit geraten –  wir wollen die Erinnerung daran gewährleisten. Und der neue Gedenkstein verweist auf die Zukunft: Die Menschen sollen wissen, welche Verbrechen die Nazis und die deutsche Wehrmacht verschuldet haben, sie sollen wissen, wozu Deutsche fähig waren und wie viel Leid sie über den Kontinent gebracht haben. Die zukünftigen Generationen sollen aber auch wissen: Es gab Leute, die dagegen aufgestanden sind. Einfache Menschen, keine idealen Helden aus mystischen Erzählungen – nein: Menschen aus unserer Mitte, Bürger unseres Landes. Auch wenn Lorenz Dill keinen direkten Erfolg mit seiner Aktion erzielen konnte, so ist sein Opfer doch ein würdiges Symbol für die Nachwelt. Der Stein steht nicht zufällig da, wo er steht: Er verweist einerseits auf die Heimat von Lorenz Dill, auf das Dorf, das er retten wollte. Andererseits zeigt er in die Richtung des nahegelegenen Galtenhof, dorthin also, wo man ihn zu Tode brachte. Er möge die Wanderer zwischen den Grenzen zum Nachdenken ermutigen.

Der heutige Tag ist ein Tag der Demut und der Dankbarkeit. Ich bin dankbar für Leute, die sich gegen das NS-Regime gestellt haben. Auf diese, zusammen mit den Menschen des Wiederaufbaus, gründet sich unser Staat, unsere Verfassung und unsere Prinzipien: Dass man frei sagen kann, was man denkt – und dass die Würde des Menschen unantastbar festgeschrieben ist. Lorenz Dill hat einen immensen Beitrag dazu geleistet. Heute stehe ich als junger Mensch, als junger Demokrat, hier, und wir alle müssen Sorge tragen, dass Deutschland ein weltoffenes und friedliches Land bleibt. Der 29. April ist deshalb ein wichtiger Tag gerade für unsere Gemeinde: Dieser Tag ruft uns in Erinnerung, dass wir alle einen Beitrag dazu leisten müssen, dass wir auch in Zukunft an diesem Flecken im Herzen Europas in Frieden zusammenkommen können. Das lehrt mich der Mut von Lorenz Dill.“

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